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Das Abstiegsphantom von Wattenscheid.
Business as usual. Deutschland, ein Land von Verlierern, nun ist nach einem Sieg gegen die Leverkusener Amateure auch bei uns wieder Normalität eingekehrt: 0:2 gegen Preußen Münster, einen ultimativen Abstiegskonkurrenten. Zum Grinsen ist mir, im Gegensatz zum kalifornischen Blender, nicht zumute. Abdul ist jetzt in Elversberg, er wird dort nicht glücklich werden. Wir haben jatzt Chrissovalantis Anagnostou, der vor einiger Zeit ein paar Bundesligaspiele für Gladbach absolviert hat. Er nimmt Terras Position im Mittelfeld ein, unser Kapitän ersetzt dafür Abdul im Angriff. Mo Abdulai hat mit einer starken Vorbereitung und einem Tor nach seiner Einwechlung gegen Leverkusen aufhorchen lassen, der Reißer wird er aber wohl auch nicht mehr werden. Mit Baumann wird weiterhin Kindergarten gespielt, er tritt weiterhin in der Verbandsliga an, ohne aufzumucken. Münster hat sich verstärkt und ist mit neun Punkten aus drei Spielen mittlerweile an uns vorbeigezogen. Das hört sich alles nicht gut an. Eine kleine Analyse: Die bayern haben ein Phantom. Nürnberg hat das sogenannte Tor-Phantom. Na und, wir haben auch unser Phantom. Das Problem dabei ist nur: unser Phantom ist nicht auf dem Platz aktiv, sondern im Forum. Mittlerweile ist es wohl schon fast Legende: vor einiger Zeit war es plötzlich da, kritisierte die Vereinsführung wo es nur konnte, sagte, das könne man alles besser machen, bei 09 habe sich seit Steilmann überhaupt nichts geändert, die Vereinsführung sei ein unmotiviertes Gemisch aus Unfähigkeit, Vetternwirtschaft und Gleichgültigkeit. Dabei bediente er sich stets einer Polemik, die ihresgleichen sucht und darauf schließen läßt, daß er als Kind zuviel Nietzsche gelesen hat.
Seine Hoffnung trug einen Namen: nicht etwa Micha Joswig, sondern einen seiner Vorgänger im Wattenscheider Tor, Christoph Jacob. Auch dieser benutzte für seinen angestrebten Putsch das Forum, in dem er jeden Beitrag mit den Worten "Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen" schloß. Dabei gelten deterministische Modelle in den Wirtschaftswissenschaften längst als überholt. Jacob jedenfalls hatte studiert und ungefragt angekündigt, als Messias nach Wattenscheid zurückzukehren zu wollen. Nach wochenlanger Aufruhr einigte man sich darauf, daß die studierte Fönfrisur demnächst sein Konzept als Online-Präsentation vorlegen werde, dann könne man ja schließlich mal sehen, worüber man sich gerade die Köpfe einschlägt. Daraufhin wurde es ruhig um das Messias-Doppel; das Forum gehörte wieder Leuten, die sich normal miteinander unterhalten können.
Als ich einige Monate später wie eigentlich fast jeden Tag im Forum vorbeischaute, war dort ein neuer User vertreten, nichts ungewöhnliches. Was mich aber erstaunte war, daß dieser als "Frauenversteher" getarnte Siegertyp bereits über 20 Posts verzeichnen konnte. Schon bald war klar: Phantom is back. Und seither, was soll ich erzählen, wird wieder geschimpft, gepöbelt und gelabert, was das Zeug hält. Die kleinste Kritik, ein zarter hauch von Provokation reicht aus, schon hat man eine seitenlange Stellungnahme, persönliche Attacken inklusive. Zwar behauptet das Ex-Phantom, nicht der Messias zu sein, nach dem wir alle rufen; ich kann mir aber ohne Probleme ausmalen, wie er kurz vorm Orgasmus ist, wenn ihm ausnahmsweise mal jemand zustimmt. Und daß man ihm eigentlich mehr Beachtung schenken sollte, merkt man zum Beispiel daran, der er sein Gehalt in den letzen Jahren immerhin auf stolze 3000 Euro steigern konnte. Noch müssen wir auf seine Geschicke verzichten, denn er fühlt sich noch nicht bereit. In fünf Jahren, so hofft er, wird er erster Diener des Vereins werden können.
Der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere war ein extremer Fight mit unserem Lokalbarden Lenni, der sich innerhalb kürzester zeit auf alle Threads ausweitete. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war es ein Kampf zweier etwa gleichstarker Konkurrenten in dem sich beide Seiten über Tage hinweg keinen Millimeter schenkten. Wenn sich unsere Elf auf dem Platz an diesem Einsatz ein Beispiel nehmen würde, dann wären wir jetzt - trotz spielerischer Qualitätsengpässe - nicht auf einem Abstiegsplatz. Wobei der kämpferische Einsatz in den bisherigen zwei Saisonspielen dieses Jahres ja durchaus in Ordnung gewesen sein soll. Doch nun ist es erstmal wieder ruhig geworden um den Mann, der jede Frau "versteht". Und während die Kassierer eine Fanhymne für unser aller Liebe aufgenommen haben ist unser Messias, der kein Messias sein will, wahrscheinlich auf der Suche nach neuer Munition. Tja, Freunde der Sonne und des Abstiegsgespents, so sieht es aus. Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: unser Phantom oder unsere Situation.
Andererseits: das Müchener Phantom ist längst in der Versenkung (und zeitweise gar auf der Ersatzbank) verschwunden, das Nürnberger Tor-Phantom außer Gefecht. Trotzdem haben beide Vereine die realistische Chance, ihr Saisonziel zu erreichen. Warum also sollten nicht auch wir schon bald wieder gegen die Preußen spielen? Wir brauchen kein Phantom auf dem Platz, wir brauchen dort elf schwarz-weiße Herzen!
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bisher 1 Kommentar(e)
TrackBack-URL
Jürgen
/ Website
(5.3.06 18:38)
Dabei weiß doch jedes Kind, daß sich der Messias am Markt von Bochum-Gerthe materialisiert hat
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